Wer kennt sie nicht: die kleinen weißen, lackartigen mit schwarzer Titelschrift prägnant und doch dezent bedruckten Büchlein, die in die Welt der großen philosophischen Begriffe einführen. Kein Student kommt an ihnen vorbei. Dozenten frischen mit ihnen ihre Kenntnisse auf, oder aber sie lesen sich Wissen an, weil nicht genug Zeit war, sich mit der Originallektüre auseinanderzusetzen. An ein Universitätsleben ohne Einführungen ist kaum zu denken. Sie sind Starthilfe, Vertiefungsmodul, Lektürebaustein.

Die Junius-Einführungen bieten ihren Leserinnen und Lesern eine klare und verständliche Darstellung des geistes-, kultur- und medienwissenschaftlichen Kanons. Dennoch gehören sie nicht ausschließlich der Studienliteratur an. Bereits die Wahl der Autoren*innen, die für eine Einführung verpflichtet werden, entscheidet über Denk- und Schreibstil des einzuführenden Materials.

Die Herausgeber*innen der Junius-Reihe formulieren daher in jeder neuen Ausgabe folgendes Programm: „klassische Fragen sollen in einem neuen Licht“ und „neue Forschungsfelder“ in einer „gültigen Form“ präsentiert werden. Autor*innen werden explizit eingeladen, „klassische“ Themen mit ihrer eigenen Handschrift zu versehen. Kritik und Analyse unterstehen dem subjektiven Standpunkt der Wissenschaftler*innen. Die individuelle Signatur soll bewusst erkennbar bleiben, ohne zu „verwässern“ oder einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. 

Dem Literatur- und Medientheoretiker Friedrich Balke ist beides gelungen: seine Einführung zu „Mimesis“ trägt unverkennbar die Handschrift eines Medienwissenschaftlers, der den traditionsreichen Begriff der Philosophie- und Kunstgeschichte auf eher unkonventionelle Weise interpretiert und dennoch den Spagat zwischen kanonischem Wissen und eigener Position überzeugend darbietet. Balke legt den Fokus auf SnapShots der Geschichte von Platon bis zur Ripping Reality digitaler Medien. Anfangs-, End- und Mittelpunkt dieses ganzen Unterfangens ist die Geburt der Mimesis aus dem Geistes des Tanzes.

Statt einer linearen Entwicklung von der Antike bis zur Moderne plädiert Balke für eine Perspektive, die die „kontinuierliche Wirksamkeit“ des Mimetischen durch die Epochen hindurch in den Blick nimmt. Es geht nicht um die Mimesis an sich, sondern um Zirkulations- und Übertragungsprozesse mimetischer Verfahrensweisen in unterschiedlichen Feldern. Er untersucht mimetische Verfahren im politischen und soziologischen Feld (Marx, Tarde), in der historischen Wiederbelebung der Antike durch Renaissance-Praktiken (Leichen-Prozession konservierter Körper), sowie in der Pseudo-Kunst der Dilettanten um 1800. Mit Nietzsche, Kierkegaard, Bergson und Deleuze lenkt Balke den analytischen Blick auf den Begriff der Wiederholung, den Mechanismus der Automaten, das barocke „Objektil“ und damit auf die Wiederkehr barocker Ästhetik in neuen medialen Bildproduktionen von App-Anwendungen. Doch beginnen wir mit dem Auftakt dieses historischen Parcours.

Für Balke stehen Theorien des Politischen seit seinen Arbeiten über den Begriff der Souveränität, über Carl Schmitt und Gilles Deleuze im Zentrum seiner medienphilosophischen Reflexionen. Daher mag es kaum verwundern, wenn der Auftakt zu Mimesis nicht nur mit Platons politischen Implikationen anhebt, sondern diese sogar gegen Aristoteles „imitatio“-Begriff stark gemacht werden. Die „herrschaftskritische Dimension der mimetischen Praktiken“ (S. 17) sei in Platons Staat als eine Gefahr interpretiert worden. Balke intensiviert diese Deutung in ihrem theoretischen Potential, indem er mimetische Techniken als den Motor eines ständigen Kampfes zwischen dem “herrschaftskritischen” und “herrschaftsstabilisierenden” Potential identifiziert.

Um den Leser*innen eine Orientierungshilfe in der Darstellung der unterschiedlichen theoretischen Positionierungen zu geben, führt Balke zwei Begriffe ein, die jeweils eine andere Facette vom Mimesis hervorheben: innerhalb dessen, was für gewöhnlich unter Mimesis verstanden werde, ließen sich zwei Pole unterscheiden: der „protokollarisch-regulierende Pol“ und der „exzessive“ (S. 18). Während der erste Pol dafür zuständig sei, die politische Ordnung zu stabilisieren – hier referiert Balke unter anderem die sozialen Praktiken, die zur Ausbildung und Stabilisierung des Habitus führten (P. Bourdieu) –, so produziere die exzessive Mimesis eine perfekte Nachahmung, die das Nachgebildete zum verehrten Objekt des Originals transformiere. Diese grundlegende Differenz dient als Leitfaden für die noch folgenden Betrachtungen, die sich innerhalb dieses Spektrums der beiden Pole ausdifferenzieren und neu konfigurieren.

Unter Rückgriff auf Hermann Kollers begriffshistorische Studie zum Mimesis-Begriff in der Antike (1954) versucht Balke jene Lesart in den Vordergrund zu rücken, die als Konstante durch die Jahrhunderte hindurch mimetische Verfahrensweisen geprägt hat: die Bewegungen des Körpers im Tanz. Platon und Bourdieu werden hier zu Wahlverwandten: im platonischen Bild des Tänzers werde eine Praxis offenbart, die staatsgefährdend sei, weil sie eine Umbildung, Veränderung und Transformation des Seins ermögliche (S. 39). Ähnlich der Bildung des Habitus in der Soziologie Bourdieus, der über die Inkorporierung von Strukturen durch tatsächlich ausgeführte Einübungen konstituiert werde (S. 30), sei die „getanzte Mimesis“ bei Platon nicht etwas bloß diskursiv Artikuliertes, sondern bezeichne den Prozess einer Einverleibung, der das ‚Sein davon trägt‘ und ein gänzliches ‚Anderes’ zur Erscheinung bringe. Balke hält fest:

„Mimesis bei Platon ist mehr als eine Darstellungsweise, sie bezeichnet eine Existenzweise.“ (S. 37)

Kurze Seitenblicke auf mimetische Praktiken innerhalb ethnologischer Theorien, sowie auf Walter Benjamins Aufsatz zum mimetischen Vermögen und Martin Heideggers Lektüre des griechischen paedeia-Begriffs (S. 41) werden zwar in nur wenigen Worten umschreibend erwähnt, jedoch sind die Querweise durchaus erhellend und laden zu eigenständigen Recherchen und weiterführenden Spekulationen dieser angedeuteten Verknüpfungen ein.

Noch in den Analogmedien des 19. Jahrhunderts sieht Balke den platonischen Reproduktionsmechanismus am Werk, der die Schwere der Dinge durch die „Leichtigkeit im Sinne der Bedienung des Funktionsmechanismus“ hinter sich lasse (S. 44). Ovids Narziß als Opfer einer exzessiven Mimesis (S. 45f.), Lukians Inszenierung seiner Autorschaft als „figura mimetica“ (S. 48) und Diderots „Rameaus Neffe“ seien allesamt Zeugnisse einer mimetischen Hysterie, die in Psychopathologie umschlage (S. 61) und als eine „Technik der mimetischen Entleerung“ zu verstehen sei (S. 63). Sie seien Kronzeugen einer „Hypermimesis“, die als eine Form „universeller Wissensvermittlung“ verstanden werden könne (S. 55).

Im Falle Lukians dehne sich das mimetische Spiel sogar auf die eigene Person aus und bringe sie unter einem Netzwerk von intertextuellen Verweisen zum Verschwinden. Ständig changiere die mimetische Praxis zwischen Institutionalität und Alterität, Darstellungs- und Aneignungspraxis, wobei die Angleichung des Subjekts an niedere Lebensformen – Praktiken der „minderen Mimesis“ – stets Gefahr laufe das Subjekt bis zur Unerkennbarkeit zu transformieren. In Lukians Ausführungen zur Verbindung von Tanzkunst und Kosmos überlebe das platonische Paradigma einer „affektiven Übersprungsqualität, die dafür verantwortlich ist, das die schauspielerische Darbietung in einen Tumult umschlägt“ (S. 55).

Schließlich zeige sich auch bei Diderot ein „unregulierbares mimetisches Vermögen, das unterschiedslos die ganze Welt in ihren oberflächlichen Aspekten nachzuahmen versucht“ (S. 59). Selbst noch in der „Christomimesis“, der christlichen Nachahmungsstrategie des Lebens Jesu Christi („De imitatione Christi“), vollziehe sich eine Angleichung an das Leben des Erlösers, die eine Suche nach dem Kreuz sei (S. 73) und sich unter anderem in den Körpern der Konvulsionärinnen manifestiere (S. 78). Ernst Kantorowicz Studie über den Königskörper als „persona mixta“ stelle eine mimetische Übertragungspraxis dar, in der die Person Jesu bzw. der Staat Gottes und der weltliche Staat konvergierten: mystischer Körper und Staatskörper werden ineinander übersetzt (S. 75). 

Auf einer makrostrukturellen Ebene, wie der historischen Einteilung von Epochen, ließe sich sogar an den Praktiken der Renaissance ablesen, das Formen „historischer Mimesis“ als eine Rekonstitution vergangener Epochen beschrieben werden könnten, in diesem Fall derjenigen der „römischen Leiche“ als „dünnes Medium“ (Benjamin) zwischen beiden Epochen. Die Wiederbelebung entstehe hier durch den „Kultwert der Untoten“ (S. 99), einer gefundenen, konservierten Frauenleiche, die in einer Prozession verehrt wurde, wie in Burkhardts Renaissancegeschichte festgehalten worden sei (S. 92). Dass die „Renaissance eine Arbeit an der römischen Leiche“ sei, bezeuge erneut einen mimetischen Exzess: an dieser Leiche seien alle Wesenszüge des Todes verschwunden und durch Anzeichen des Lebendigen ersetzt worden (S. 93). Es sei eine Umwandlung, die gerade durch den Ausstellungswert im Konservatorenpalast bedingt sei:

„Die Leiche, die begraben wird, damit sie niemand sehen kann, führt für eine bestimmte Zeit das Leben eines öffentlich zugänglichen Mediums“ (S. 99).

Berichtet wird sogar, dass das Publikum sie abzeichne, was erneut zu einer weiteren Reproduktionstechnik in der Kette mimetischer Exzesse führe. Nicht die Materie als solche werde zum Vorbild einer Idee, sondern die Materie in ihrer „niedersten, der Dekomposition anheimfallenden Erscheinung, die zum Exemplum und Evidenzzeichen einer alles überstrahlenden Idee wird, vor der ‚Alles was jetzt lebe‘ verblasst“ (S. 101). Balke sieht hier gleichsam eine Praxis am Werk, die weit über den konventionellen, d.h. in diesem Fall rein ästhetischen Bedeutungsrahmen der erzählten Geschichte von der „imitatio“ auf eine Gegen-Geschichte hinweise, die unterschiedliche Praktiken einschließe und nicht nur auf die ‚schönen Künste‘ beschränkt sei (S. 103ff.). Dies zeige sich insbesondere auch in der „Vita“ Albertis, in der eine „mimetische Affektivität“ dargestellt werde, die keine Grenze zwischen Handwerk und Künsten zuließe, sondern alle Fertigkeiten in einem Netzwerk zur „kontinuierlichen Vermehrung und Verbesserung des Wissens“ (S. 107) zusammenschließe. 

Weitere SnapShots dieser Exzessivität findet Balke unter anderem in den Ausführungen Hegels zur holländischen Genremalerei, die Techniken der Nahsicht und der Miniaturisierung verwende, um eine – wie Balke es ausdrückt – „Mikrophysik und Mikrokinetik der Dinge und Ereignisse“ (S. 116) zu erzeugen, ein Verfahren, das er unter anderem auch in der historischen Analyse Foucaults identifiziert (S. 115). Zu den mimetischen Praktiken um 1800 gehörten auch die künstlerischen Fertigkeiten der Dilettanten. Als Parasiten des Schöpfertums ohne wirkliche Urheberschaft seien sie rein reproduktiv, nicht jedoch kreativ tätig. Daher sei – nach Goethe und Schiller – auch keine Erweiterung der Kunst möglich, sondern nur eine Verbreitung des Prestiges des Künstlers, obwohl in einigen wenigen Fällen auch die rein kopierende Tätigkeit zur Meisterschaft avancieren könne (S. 126).

Von der Kunstgeschichte führt der Weg zurück zur historischen Mimesis: der marx’schen Geistesbeschwörung verstorbener politischer Figuren. Im Zentrum steht Marx’ Text über die Kolosse aus der römischen Geschichte und ihrer „Totenerweckung“ (S. 131) durch Revolutionen. Mit Rückgriff auf Nietzsches Unterscheidung von kritischer und monumentaler Historie versucht Balke, zu zeigen, dass es sich hierbei nicht um eine bloße Nachahmung der Geschichte handle, sondern um eine Mischung beider Historien, wobei die monumentale Historie als eine Wiederholungsspur zweiten Grades zu betrachten sei, weil sich durch sie Geschichte als Farce und Parodie manifestiere.

Marx’ eigene Darstellung sei bereits innerhalb der historischen Mimesis zu verorten (S. 137). Ähnlich vollziehe sich auch Siegfried Krakauers ethnografische Analyse des „Cancans“, eines Tanzes, der durch die Übernahme verschiedener Praktiken und Verhaltensweisen hergestellt werde, indem diese Techniken aus einem „Außenraum“ in ein Zentrum hineingetragen und verwandelt werden (S. 143). Kracauer beschreibe damit die Zeit nach der Julirevolution und formuliere damit zugleich eine „komplexe Entwendungsoperation“, die durch Nachahmung Elemente in eine Kultur hinübertrage und es innerhalb dieses neuen Raums transformiere.

Balke schließt diese letzte Form der historisch-politischen Mimesis mit dem Eichmann-Prozess, den er mit Felmanns Lesart der kritisch-monumentalen Geschichte (S. 151) als „Monument für eine zukünftige Erinnerung“ interpretiert (S. 152). Theatralität und Inszenierung vor Gericht seien Ausdruck dieser Geschichte, in der die Stimmen der Millionen Toten in der Figur des Staatsanwalts inkarnierten. Das historische Exempel werde herbei zitiert und neu verhandelt. Geschichte wiederhole sich, jedoch mit einer ihr eingeschriebenen Differenz: einer präfigurierenden Funktion für zukünftige Prozesse (S. 155). 

Im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert verbindet Balke Nietzsches Schwergewicht der Wiederholung, die nicht Determination, sondern Wahlmöglichkeit meine, mit Kierkegaards Ausführungen zur Posse als Form einer „minderen Mimesis“. Der Kreis zur platonischen „Pantomimesis“ schließt sich und eröffnet in der Schreibszene der Moderne – dem Zitat als Form der sprachlichen Selbstwiederholung (S. 169) – weitere Varianten und Variationen des Exzesses.

In Bergsons Aufsatz zur Komik ließe sich in dem Automatismus der Komik die platonische Gefahr der Mimesis ablesen, denn gerade in der Zerlegbarkeit des Menschen als eines bloßen Mechanismus offenbare sich der mimetische Exzess in seiner Vollendung: der Mensch werde verdinglicht. Bei Bergson trete noch eine weitere Komponente hinzu: denn anders als beim Mimen im platonischen Sinne, der sich dem Anderen und Fremden anverwandle, indem er zum Sprachrohr desselben werde, verstehe Bergson die Mimesis als Technik, die das nachgeahmte Subjekt gegen seinen Willen nachahme und verändere. Die Identität werde angegriffen, das Selbstbild gestört oder zerstört. Dies seien die „depersonalisierten Mechanismen des Subjekts“ selbst — identifiziert und analysiert mittels psychoanalytischer Verfahren (S. 175). 

Vom psychischen Apparat wechselt Balke zu soziologischen Theorien der Mimesis, deren Spuren er in den Schriften des französischen Gesellschaftstheoretiker Gabriel Tarde nachgeht. Mimesis bedeutet auch in soziologischen Kontexten keine bloße Wiederholung, sondern insbesondere im Sinne Tartes eine Technik, die Nachfolger erzeuge und damit zur Ausbreitung fähig sei:

„Nachahmung bezeichnet damit den Wirkungsgrad einer Neuschöpfung, der nicht aus der ‚willentlichen‘ Übernahme eines Vorbildes resultiert, sondern aus einem Prozess“ (S. 179f.).

Dieser sei zwar mit psychologischen Vorgängen wie der Hypnose, der Magnetisierung oder der Suggestion vergleichbar, jedoch nicht mit ihnen gleichzusetzen. Die Gesetze der Nachahmung im sozialen Bereich ließen sich weder auf rein ästhetische noch psychologische Praktiken per Analogieverfahren reduzieren. Sie gehorchten eigenen Gesetzen. Nachahmung bedeute Neuschöpfung im politischen wie im sozialen Sinne. So ließen sich auch mimetische Prozesse zwischen unterschiedlichen sozialen Klassen beobachten und beschreiben, die beispielsweise in höheren Gesellschaftsschichten zur Erfindung von Vorkehrungen gegen eine „Nachahmungswut“ führen könnte, um die „Nachahmungsdynamik“ einzuschränken und damit die eigene Position zu stabilisieren (S. 183). So sei unter anderem der Adel als die „wirkmächtigste mimetische Agentur“ (S. 184) nicht von den Reproduktionstechniken der gesellschaftlichen Klassen in demokratischen Gesellschaften wirklich verschont geblieben. Stattdessen erblicke man die neue Aristokratie nun in den Theatern, Banken, Ministerien und Kaufhäusern, die sich nach Tarde hauptsächlich in den Hauptstädten konzentrierten (S. 185).

Auf den letzten, kapp dreißig Seiten kulminiert Balkes Argumentation in einer hybriden Collage verschiedener Versatzstücke aus Medien- und Informationstheorien, die von der „Maschinenmimesis“ des Arbeiters in der Fabrik (nach Marx ein „Wirbeltanz“ zwischen Mensch und Maschine, S. 109) zu Alan Turing und den ästhetischen Praktiken der sozialen Medien reicht. Als Medienwissenschaftler mit historischem Tiefgang betont Balke vor allem, dass die „Remediation“ zwischen alten und neuen Medien keinen Ablösungs- noch Verfallsprozess bezeichne, sondern einen mimetischen Rückgriff von neueren Medien auf ältere.

Im Arbeitsrhythmus der Fabrik im kapitalistischen System kehre erneut die Handwerksphilosophie Platons wieder, jedoch unter anderen Vorzeichen. Die Dinge veränderten sich im Zeitalter der Serienproduktion, auch wenn sich der Prozess nur in den Grenzen eines bestimmten Typus vollziehe (S. 213). Hierzu bemüht er Deleuze Lesart des Barock und seines Begriffs des „Objektils“, mit dem er das Verhältnis von Subjekt und Objekt durch die Einführung der zeitlichen Kategorie neu definiere (S. 215). Zeitlichkeit werde zu einer wesentlichen Eigenschaft der Dinge (S. 217), die man insbesondere in neueren ästhetischen Praktiken der Smartphone-Ära wie der „Ripping Reality“ — ein Herausreißen von „Wirklichkeitsstücken“ und „kontinuierliches Morphing der Objekte“ (S. 223) — beobachten könne.

Die „Ausweitung der mimetischen Zone“ (S. 230), wie Balke sein einführendes Programm selbst beschreibt, schließt zu guter Letzt mit Foucaults Interpretation der antiken Verfahrensweisen der hypomnemata, den mentalen Notizbüchern hellenistischer Gelehrten, die eine „körperliche Aneignung des Wiedergelesenen“ und damit eine weitere Form mimetischer Praktiken der Einverleibung darstelle (S. 225).

Auch die Meme-Theorie des Evolutionsbiologen und ehemaligen Public Understanding of Science-Lehrstuhlinhabers in Oxford, Richard Dawkins, wird von Balke angeführt, um die Verbreitung von Inhalten über mediale Netzwerkstrukturen des Internets deutlich zu machen und ihren Neuerungswert zu betonen. Obwohl man sich zu den „populärwissenschaftlichen Analogieschlüssen“ des Biologen unterschiedlich positionieren könne, sei ihnen ein „gewisser Erkenntniswert“ nicht abzusprechen, denn:

„Mimesis unter den gegenwärtigen Medienkulturen Vorzeichen führt zu einer ‚Imprägnierung‘ des Gedächtnisses mit Inhalten, die durch ihre replikatorische Potenz und ubiquitäre Präsenz im Netz die Aufmerksamkeit der Nutzer auf sich ziehen und Anhängerschaft erzeugen“ (S. 227). 

Wenn die Leser*innen nun auf der letzten Seite eine Art von unbefriedigter Lektüre verspüren, dann nicht deswegen, weil eine kurze Zusammenfassung, ein abschließendes Fazit oder ein Ausblick fehlt, sondern weil sie bereits die Lust verspüren, an jenen Lücken weiterzuarbeiten, die der Autor durch seine strategische Auswahl an Autoren und Texten offen gelassen hat. 

In der Dichte der Darstellung des mimetischen Exzesses auf den letzten Seiten wird der Exzess selbst vorgeführt: Über Mimesis schreiben heißt sich selbst in einen Tänzer zu verwandeln, der auf dem Boden der Geschichte – seiner Tanzfläche – die Figuren seiner Lesebewegungen und Lektüresprünge einzeichnet. Bereits wiederholte Lektüren werden nochmals wiederholt, in Konstellation zu anderen Lektüren gestellt. Damit wird ihnen zugleich auch eine Differenz des Wiedergelesenen eingeschrieben und die nächste tanzende Lektüre seiner Nachfolger und ihrer möglichen Abweichungen eingeleitet.

Einziger Kritikpunkt: Der Sprung vom Alten zum Neuen und vom Neuen zum Alten behält den Anstrich anachronistischer Lektüreprinzipien und wird in einigen Teilen der Einführung zu abrupt zwischen den Jahrhunderten miteinander verschaltet, sodass man kaum Zeit hat, bei einer erhellenden Lesart stehen zu bleiben, weil man bereits im Neuen angekommen ist.

Aber dies ist sicherlich auch der Technik des einführenden Schreibens selbst geschuldet: positionieren ohne zu verwässern, repräsentieren ohne zu vervollständigen, das ist die Stärke dieser Einführung und sollte so auch gelesen werden. Zur Vervollständigung sind die Nachfolger aufgerufen, die in ihrer Nachlese des Zusammengelesenen eine Differenz – Anlass weiterer Lektüren – eröffnen. Das wäre dann die mimetische Auslese des Differentiellen.

Quelle: Quelle: Friedrich Balke: Mimesis. Zur Einführung. Hamburg: Junius 2018. 1. Auflage, 256 S., Broschur.




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