“Vide cor tuum” – Darren Aronofskys “Hohelied der Liebe”

Apostel Paulus, Gemälde von Anthonis van Dyck

Einst sprachen wir von der Liebe als sei sie das höchste Gut auf Erden. Beginnen wir mit dem 13. Kapitel aus dem 1. Korintherbrief. Hier setzt die Legende des Wortes „Liebe“ ein. Sie berichtet in dem Buch der Bücher von einer Gabe, mit der man schmerzende Wunden heilen kann, die über allem Wissen und aller Erkenntnis steht, über bloßem Glauben und jeder Prophetie. Diese Legende erklingt aus der inbrünstigen, priesterlichen Stimme, die bei kirchlichen Vermählungen Mann und Frau aneinander bindet. Auf immer und ewig, in Gesundheit und Krankheit – bis dass der Tod uns scheidet.

Predigen wir nun also in den biblischen Worten des Apostels Paulus an die Korinther:

Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte / und alle Geheimnisse wüsste / und alle Erkenntnis hätte; / wenn ich alle Glaubenskraft besäße / und Berge damit versetzen könnte, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte / und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, / hätte aber die Liebe nicht, / nützte es mir nichts.

Die Liebe ist langmütig, / die Liebe ist gütig. / Sie ereifert sich nicht, / sie prahlt nicht, / sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, / sucht nicht ihren Vorteil, / lässt sich nicht zum Zorn reizen, / trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, / sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, / glaubt alles, / hofft alles, / hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf. /

Prophetisches Reden hat ein Ende, / Zungenrede verstummt, / Erkenntnis vergeht. Denn Stückwerk ist unser Erkennen, / Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, / vergeht alles Stückwerk. Als ich ein Kind war, / redete ich wie ein Kind, / dachte wie ein Kind / und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, / legte ich ab, was Kind an mir war. Jetzt schauen wir in einen Spiegel / und sehen nur rätselhafte Umrisse, / dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, / dann aber werde ich durch und durch erkennen, / so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; / doch am größten unter ihnen ist die Liebe.

Darren Aronofsky hat diesem „Hohelied“ mit seinem Film „Mother!“ die filmische Krone aufgesetzt und in seiner Mutter-Figur im Porzelan-Püppchen-Format ein Symbol für die Langmütigkeit, Güte, Geduld und Selbstgenügsamkeit gefunden. Sicherlich kann man die biblischen Zeilen nicht unbedingt auf eine heterosexuelle Beziehung projizieren, schließlich geht es hier um das Verhältnis zur göttlichen Liebe. Dennoch sind gerade die biblischen Bezüge absolut offensichtlich und wurden bereits in den Filmkritik-Foren ausgiebig diskutiert.

Alles an diesem Film schreit danach „Analysiere mich!“, gerade weil er seine visuelle Textur aus einer langen, sehr langen Geschichte von Mythen, Symbolen, Legenden, Geschichten – literarisch wie wissenschaftlich – webt. Das Ewig-Männliche-Schöpferische-Aktive und das Ewig-Weibliche-Ertragende-Empfangende-Passive sind nur die zwei äußersten Pole, in denen sich das Psycho-Thriller-Drama abspielt. Aronofsky inszeniert eine filmhistorische Synthese, die alles zusammenbringt, was man aus Mutter-Filmen kennt: Hysterie und Wahnsinn, Horror und Schrecken, Selbstzweifel und Hass, Gehorsam und Unterdrückung, Aufstand und Revolte, Akzeptanz und Niederlage.

In dem abgeschiedenen Haus – isoliert auf weiter Feldflur – rückt das Setting in einen imaginären Raum. Die klaustrophobische Kameraarbeit, die nicht vom Weibe weicht, kreiert die Atmosphäre eines pulsierenden Vulkans. Der Fluchtpunkt ist die „Gebär-Mutter“. Haus und mütterliches Organ sind hier miteinander verschaltet. Das in den Wänden vibrierende und pumpend-atmende Herz ist die Schaltzentrale, die das männliche Gehirn an die Gebär-Mutter bindet. Sie ist die Matrix alles Lebendigen. Nietzsche sprach von den Künstlern als den „männlichen Müttern“ und damit trifft er ein alte Linie der Entstehungsgeschichte des wirklichen Geniegedankens und Schöpfertums. In den anatomischen Schriften des englischen Wissenschaftlers William Harvey gibt es in dem Kapitel “On Conception” (in: Anatomical Exercises, 1651) eine Beschreibung des Uterus, dessen Funktion mit derjenigen des Gehirns verglichen wird. Die plastische Kraft des Uterus, Kinder zu formen, wird mit der väterlich-männlichen Kraft der Schöpfung von Ideen verglichen. Dort heißt es:

„and since the substance of the uterus, when ready to conceive, is very like the structure of the brain, why should we not suppose  that the function of both is similar, and that there is excited by coitus within the uterus a something identical with, or at least analogous to, an „imagination“ (phantasma) or a „desire“ (appetitus) in the brain, whence comes the generation or procreation of the ovum? […] From this desire, or conception, it results that the female produces an offspring like the father. For just as we, from the conception of the „form“ or „idea“ in the brain, fashion in our works a form resembling it, so, i like manner, the „idea“, or „form“, of the father existing in the uterus generates an offspring like himself with the help of the formative faculty, impressing, however, on its work its own immaterial „form“. In the same way art, which in the brain is the eidos or „form“ of the future work, produces, when in operation, its like, and begets it out of „matter“. So too the painter, by means of conception, pictures to himself a face, and by imitating this internal conception of the brain carries it out into act; […] The same thing takes place in every other action and artificial production.“ (Harvey, S. 577f.)

Jeder Mann trägt eine Gebärmutter in seinem Kopf. Jeder Mann will Mutter sein, um Künstler sein zu können. Ideen gebären, wie man Kinder gebiert – das ist eine der Sentenzen dieses filmischen Höllenritts ins Reich der Gebär-Mütter (vgl. Gwozdz 2017), die sich selbst in Brand setzen.

Dante, Vita nuova, hier: XXXI 14 – XXXIII 4, in einer der ältesten Handschriften (wohl zweites Viertel des 14. Jahrhunderts): Trespiano (Florenz), Carmelo di S. Maria degli Angeli, Fragment ohne Signatur, fol. 2r

Nicht ihr Herz müsste er herausreißen, sondern ihren Uterus. Warum also diese Herzsymbolik? In der Literaturgeschichte gibt es vor allem ein Narrativ, das genau diese Beziehung der kreativen Kraft des männlichen Dichters zu seiner Muse und Minne verdeutlicht und thematisiert: Dantes „Vita Nuova“

Dieses aus Prosa und Versen gewebte „Büchlein“ besingt die „verklärte Herrin“, die „von vielen, die nicht wußten, wie sie sie nennen sollten, Beatrice genannt wurde“. Diese gottähnliche Figur, „blutrot“ gekleidet, bescheiden und ehrbar, lässt den Geist in seiner Brust, der „geheimsten Kammer des Herzens“, erzittern und spricht: „Siehe, ein Gott, der stärker als ich ist und der daherkommt und mich beherrschen wird.“ Auch der „natürliche und animalische Geist“ im Magen beginnt mit ihm zu sprechen und behauptet, dass er von nun an nicht mehr in der Lage sein wird, seine Aufgaben ungehindert zu erfüllen. Die Wirkkraft der Liebe setzt die physiologischen Wirkmechanismen außer Kraft, wenn der „treue Rat der Vernunft“ sie nicht kontrollieren würde. Hier beginnt er jene Worte zu sprechen, die aus seiner Erinnerung an dieses Bild des Göttlich-Weiblichen stammen.

In der darauffolgenden Vision während eines kurzen Schlafs in der „Einsamkeit eines Zimmers“ erscheint ihm folgende Traumszenerie:

„denn es war mir, als sähe ich in meinem Zimmer einen feuerfarbenen Nebel, in welchem ich deutlich die Gestalt eines Gebieters von furchtbarem Anblick für jeden, der ihn schaute, sah: und zwar schien er mir selbst von solcher Freude erfüllt, daß es ganz wunderbar war, und in seinen Worten sagte er vieles, was ich nicht verstand, außer gar wenigen Worten; und unter diesen verstand ich deutlich: Ich bin dein Herr! In seinen Armen aber schien mir ein nacktes Weib zu schlafen, das nur ganz leicht in ein blutrotes Tuch gehüllt war; und als ich diese mit vieler Aufmerksamkeit betrachtete, erkannte ich, daß es die Herrin des Grußes war, welche mich am anderen Tage ihres Grußes gewürdigt hatte. Und in der einen seiner Hände schien jener mir ein Ding zu halten, das völlig glühte, und es war mir, als spräche er die Worte: Sieh hier dein Herz!

Die Szene gleicht derjenigen am Ende des Films: der Feuerschwall, der alles verbrennt; aus seinen Flammen heraus tritt der Gott (Javier Bardem), der seine Muse – bis zur unkenntlich verbrannt – auf den Händen trägt und dort niederlässt, wo ihr Platz als Frau, Mutter und Ideenspenderin im familiären Oikos seit jeher war: der Küche. Er greift in ihren Brustkorb hinein und holt aus der verbrannten Asche von Fleisch und Knochen einen Kristall hervor. Ein etwas klischeehaftes Symbol für diesen pumpenden roten Muskel, der die Organe mit Nährstoffen versorgt und den Organismus am Leben hält. Dantes Vision ist eine andere.

„Vide cor tuum“ – Amor, der Gott der Liebe, der die Schlafende in seinen Armen hält, weckt sie auf, um von dem Muskel zu essen, von jenem „Ding, das in seinen Händen glühte“. Sie setzt „zögernd“ zum Biss an, öffnet ihren Mund und isst von dem Herzen. Dies bringt den Gott zum Weinen und weinend entflieht er mit der Geliebten auf den Händen in den Himmel. – Ein wunderbarer kannibalischer Liebes-Akt.

Die Geburt der Liebeslyrik aus dem Geiste des Kannibalismus. – Darren Aronofsky macht aus diesem Bezug etwas Ähnliches: er lässt den Mann (und natürlich nicht nur ihn) vom Herzen der Herrin und Dame essen, so als wenn er sich dafür rächen möchte, was sie ihm in den langen Jahrhunderten als Muse und Ziehmutter des Kreativen angetan hat.

Selbst die katholisch-satanische Inszenierung der Kommunion zeigt jenen christlichen Kannibalismus: Siehe, Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus, den wir essen und verspeisen, verdauen und ausscheiden. Eine Gastrosophie des Glaubens! Das Neugeborene wird gegessen, die Mutter getreten und verstümmelt. Das Ewig-Weibliche sieht nur im Akt der Selbstverbrennung – eine Hexe, die sich selbst in Brand steckt – einen Ausgang und bestätigt damit ihre eigene Genealogie des Weiblichen: Heilige, Hexe, Mutter. Das Ende begründet damit den Anfang dieser zirkulär verlaufenden Genealogie. Alles fängt wieder von vorne an, alles beginnt bei Null.

Nichts kann sich dem Hohelied der Liebe widersetzen. Selbst wenn das Begehren zur Rebellion am eigenen Körper spürbar wird (die Schwindelanfälle, die durch einen gelben Saft besänftigt werden), wird sie einer Selbstzensur unterworfen: Du darfst nicht! Trinke deinen gelben Saft, dann beruhigst du dich schon wieder. Die Hysterikerin muss halt schweigen! Das wissen wird doch…

Ohne ein Opfer ist eben wahre Kunst nicht möglich. Zur Höchstleistung gelangt sie dann, wenn sie sich in der Selbstaufopferung transzendiert. „The Wrestler“ und „Black Swan“ folgen demselben Schema.

Helfen wir Darren Aronofsky bei der Reformulierung seiner „Mother!“ Schreiben wir das Hohelied der Liebe um. Lasst uns einstimmen in den Chor, der vom Hohelied der Rache singt, einer Rache, nicht aus Eifersucht und Neid geboren, sondern aus Liebe zum Leben, aus Liebe zur Rebellion gegen eine Genealogie, die zu oft erzählt wurde und daher abgeschafft gehört. Wir schreiben diese Zeilen zum Zeichen des #metoo und #regrettingmotherhood – Vide cor meum:

Ich zeige euch jetzt noch einen anderen Weg, einen, der alles überwuchert: Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Tiere redete, hätte aber die Rache nicht, wäre ich gelähmtes Getier oder eine leise Harfe. Und wenn ich prophetisch reden könnte, um so alle Geheimnisse zu verhüllen und alle Erkenntnisse zu verdunkeln; wenn ich alle Glaubenskraft heucheln würde, um Berg auf Berg zu errichten, hätte aber die Rache nicht, wäre ich alles und nichts zugleich.

Die Rache ist langmütig, die Rache ist verderblich. Sie strebt nach Vergeltung, sie ergötzt sich an ihrem Feldzug. Sie handelt ungehörig, sucht nach ihrem Vorteil, läßt sich zum Zorn reizen, trägt das Böse nach.

Sie kennt weder Recht noch Unrecht, wahr und falsch zermalmt sie im Gefecht. Sie erträgt niemanden neben sich, Glaube und Hoffnung legt sie ab. Die Rache hört niemals auf.

Wenn das prophetische Reden ein Ende hat, und Zungenrede in ihrer Überredungskunst tobt, verstummt die Sucht nach Erkenntnis niemals. Denn totalitär ist jedes Verkünden von Erkenntnis und totalitär jegliche Prophetie; doch wenn das Piepsen ertönt, verstummt die Welt und lauscht.

Als ich eine Frau war, redete ich wie eine Frau, dachte wie eine Frau, und urteilte wie eine Frau. Als ich eine Mutter wurde, legte ich ab, was Frau an mir war. Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen von Angesicht zu Angesicht, dann aber erblicken wir nur rätselhafte Umrisse. Einst erkannte ich mich, doch nun verkenne ich mich, sowie ich durch Nichts erkannt worden bin.

Für jetzt regieren: Richter, Gelehrte, Diktatoren, diese drei; doch gebrochen werden sie durch ein Viertes: Monströse Mutterschaft sei mein Name, auf das Gerechtigkeit walte!

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