Die Nolan-Formel: Review zu Dunkirk

Es ist 1940. Schauplatz ist der Strand von Dunkerque. Während die Alliierten von den Nazis eingekesselt werden, sitze ich in einem Frankfurter Kino. Es ist Juli 2017. Wie üblich, die mittlerweile klassisch digitale Projektion. Unüblich, dass ich mir Nichts dabei gedacht habe. Bis dato wusste ich noch nichts von einer Originalschauversion der originalen Version des Films: IMAX, analog, 70mm.

Doch Chrisopher Nolans Schlagworte Survival, Intensity, Suspense pochen auch durch die digitale Oberfläche der Leinwand. Oft befinde ich mich mitten im Kriegstreiben, was allerdings nicht nur der gelungenen, technischen Übersetzung zu verdanken ist. Vor zwei Jahren war ich nämlich selbst genau an diesem Strandabschnitt unterwegs. Oft beobachte ich mich dabei, wie ich mich durch meinen Feind – den unaufhaltsamen Atlantikwind – zum Spaziergang hindurch kämpfe. In weiter Ferne erblicke ich immer wieder das FRAC, ein Museum für zeitgenössische Kunst, das ich einst besuchte. Ob Nolans Dunkirk ebenfalls Teil davon ist? Plötzlich setzt das laute Ticken einer Uhr ein. Und holt mich zurück.

Survival –


Die Deutsche Wehrmacht rückt immer näher an die Atlantikküste Dunkerques heran. Innerhalb einer Woche, vom 26. Mai bis zum 2. Juni 1940, versucht die British Army, knapp 400.000 britische als auch französische Soldaten nach Dover zurückzubringen. Das Szenario von Nolans Dunkirk spielt sich ebenfalls innerhalb von 107 Minuten in dieser Zeitspanne ab. Mittels drei diverser Zeit-, Raum- und Figurenebenen versucht er, das waghalsige Geschehen aus verschiedenen Perspektiven zu vermitteln:

1.1. Ort: Die Mole

1.2. Zeit: eine Woche

1.3. Akteure:

Die Fußsoldaten Tommy (Fion Whitehead) und ein namenloser französische Soldat (Damien Bonnard) versuchen, wie die anderen zahllosen Nebenfiguren und Statisten, mit allen Mitteln zu entkommen. Dasselbe gilt für Alex (Harry Styles) und Gibson (Aneurin Barnard). Nebenbei nahezu tatenlos wirkend, kommentiert und koordiniert der britische Commander Bolton (Kenneth Branagh) die Rettungsaktion. Immer wieder werden Sie von der Deutschen Luftwaffe attackiert.

2.1. Ort: die See

2.2. Zeit: ein Tag

2.3. Akteure: Der ehemalige Soldat Mr. Dawson (Mark Rylance) macht sich mit seinem Sohn Peter (Tom Glynn-Carney) und dem Helfer George (Barry Keoghan) mit seinem kleinen Boot auf dem Weg nach Dunkerque. Sie treffen auf einen traumatisierten Soldaten (Cilian Murphy), der sie davon abbringen will, dort hinzufahren, um ihre patriotische Pflicht zu erfüllen.

3.1. Ort: die Luft

3.2. Zeit: eine Stunde

3.3. Akteure:

Die Piloten Farrier (Tom Hardy) und Collins (Jack Lowden) versuchen innerhalb dieser Zeitspanne, die dort angreifende Luftwaffe auszuschalten, um die Rettung voranzubringen. Collins muss auf dem Meer notlanden und Farrier, der allein agieren muss, hat bald keine Sprit mehr.

Das zeitliche und räumliche Experiment Nolans geht schließlich auf Mr. Dawsons Boot in der Zeitebene mit Farrier auf, wodurch die präsentesten Akteure aufeinander treffen.

Eine Niederlage im zweiten Weltkrieg filmisch aus dieser Sicht zu beleuchten, ist nicht neu. Schon Kubrick mit Full Metal Jacket (GBR/USA 1987) und Coppola mit Apocalypse Now (USA 1979) skizzieren die Niederlage einer Nation (in diesem Fall die USA), die sonst vor kultureller und ökonomischer Macht nur so protzt. Was sich dort in den Zeiten des Vietnamkriegs anhand von psychisch ausgedörrter Protagonisten abzeichnet, erhält durch Nolan eine modernistische Politur.

Im Erlebniskino unserer Tage reflektieren seine Akteure ihre Erlebnisse nicht, sondern erleiden sie im Hier und Jetzt. Aufklärende Dialoge spielen, mit realistischen Anklängen, eher die Nebenrolle. Das zeigt sich auch an den Hintergrundgeschichten der einzelnen Figuren: es gibt nämlich gar keine. Dieser abwesende rote Faden strahlt umso stärker durch jene Tatsachen in den Vordergrund, dass erstens keine Heldentypen vorhanden sind, zweitens damit keine Identifikationsmomente stattfinden und drittens dadurch die Frage aufkeimen darf, wie Kriegsblockbuster eigentlich konzipiert sind. Die einzelnen Überlebenskämpfe verdichten sich letztendlich zu einem einzigen Überlebenswillen. Das Gefühl, gemischt aus Mut und Angst, durchdringt schließlich den Zuschauer.

Doch dieses visuell-reizvoll inszenierte Gefühl verblasst, sobald die heimgekehrten Soldaten im Zug auf der Heimfahrt ihre Niederlage beklagen und Farrier am Ende von den Deutschen gefasst wird. Dazu setzt er seine Fliegermaske, die ihn interessanter Weise sonst nahezu konstant verdeckt hat, ab, und schaut frontal ins Off in Richtung seiner Feinde. Diese unüberwindbare Pathos-Mauer verdeckt dadurch leider die Möglichkeit einer Kritik von Seiten Nolans. Wie Farrier mit seiner Spitfire ist der sonst so ambitionierte Hollywoodregisseur auf dem Boden filmischer Stereotypen notgelandet, anstatt sie mit seinem Potential als Autorenfilmer zu zerstören.

Suspense –


Zumindest gelingt ihm dies auf audiovisueller Ebene. Die eher unblutige Kriegsgewalt geht in eine massive Flut unaufhaltsamer Bewegtbilder einher. Hoyte van Hoytemas Kameraarbeit liefert dem Auge sublime Eindrücke, die den nobody’s shot paradoxer Weise vergessen lassen. Die filmisch physikalischen Gesetze scheinen außer Kraft gesetzt, was sich vor allem in Sequenzen wiederspiegelt, in denen die Akteure versuchen, vor den Angriffen der fast unsichtbaren Gegner zu fliehen. Vor allem die Episoden in der Luft mit dem fliegenden Farrier, die stark an die Aufnahmen vom Weltall in Interstellar (USA/GBR 2014) erinnern, lassen den Eindruck unmittelbarer Teilnahme entstehen. Der von Nolan mittlerweile zum Stammeditor erkorene Lee Smith – man sehe auch seine fast konstante Mitarbeit seit Prestige (USA/GBR 2006) – liefert dazu intelligente Schnittkompositionen. Gespickt mit dem omnipräsent vertretenen Hans Zimmer, der Nolans tickende Uhr aufgenommen haben soll und für den Soundtrack mitverwendete, entstehen nahezu durchweg (an-)gespannte Momentaufnahmen. Seine sonst so musikalisch üppigen Kompositionen scheinen hier aufs Wesentliche reduziert, so als biete Nolan ihm mit Dunkirk die Gelegenheit, sich musikalisch neu zu erfinden. Das hat jedoch teilweise zur Folge, dass manche Konstellationen in ihrer Form eine Asymmetrie aufweisen und aufgrund dessen nicht immer so intensiv wirken wie gewollt.

Intensity –


Nolans wiederholtes Einsetzen seines Stammensembles, ob nun vor oder hinter der Kamera, lässt weiterhin vermuten, hier die Gelegenheit zu ergreifen, in Dunkirk seine eigene Filmsprache weiterzuentwickeln. Immer wieder konnte ich mich dem Eindruck nicht verwehren, hier eine reine Stilübung vorzufinden. Denn so abstrakt wie meine Zusammenfassung zu Beginn ist, so abstrakt verfährt Nolan mit den wesentlichen Parametern seines bzw. dem Filmaschaffen überhaupt: Figuren werden aufs Wesentliche, ihrer Physis, reduziert, Zeit und Raum durch wenige Angaben und Schauplätzen demonstriert. Diese Formel, die in seinem Mind Game Movie Memento (USA 2000) bereits, trotz erzähltechnischer Opulenz, Gegenstand ist, findet in Inception (GBR/USA 2010) durch die Irrealität im Traum eine würdevolle Fortsetzung. In Interstellar erlangt er durch das Verschieben der Raumzeit einen vorläufigen Höhepunkt. In Dunkirk findet sich, obwohl dies in einem eigenen Artikel argumentativ noch weiter auszubauen wäre, eine bisher absolute Reduktion. Nolan, der in seinem Vorhaben und kühlen Agieren als Pendant zu der Erzählkunst Flauberts betrachtet werden könnte, offenbart sich in Dunkirk als zielstrebiger Konstrukteur. Bleibt zu spekulieren, ob er in seinem nächsten Projekt nun endgültig die Brücke zum Mainstream abreißt.

Interessant ist auch, obwohl dies hier nur angerissen werden kann, dass Nolan, wie ich in meiner Magisterarbeit zum Werk Nicolas Winding Refns erörtert habe, mit seinem Werk nicht Neuland betritt, sondern in seine Heimat zurückkehrt. Wie mir während der Sichtung des Materials schließlich klar wurde und in einem Interview nochmals bestätigt worden ist, versucht Nolan, in die Annalen des Stummfilms einzukehren. Nicht, um primär ihrer Nostalgie zu verfallen, sondern sich auf die Gebote des Films rückzubesinnen. Raum, Zeit, Figur – bleibt darauf zu warten, wie Nolan in seiner nächsten Arbeit damit verfährt.

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